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Frau mit Handtuch auf dem Kopf betrachtet sich kritisch im Spiegel

Wir alle kennen sie. Die kleinen, vermeintlichen „Schwachstellen” an unserem Körper, die wir nicht so sehr mögen und gerne ändern würden. Das ist völlig normal. Gleichzeitig kann dieses „nicht so gern mögen” auch so extreme Ausmaße annehmen, dass die eigene Lebensqualität darunter leidet. Klären wir dazu erstmal die Frage: Was ist überhaupt Körperunzufriedenheit?

Was ist Körperunzufriedenheit? 

Körperunzufriedenheit ist ein breit gefasster Begriff, dessen Kern die Unzufriedenheit mit der eigenen Körperrepräsentation ist. Diese Unzufriedenheit bezieht sich dabei auf das Körperbild, das die Person selbst von sich hat. Die Meinung anderer außenstehender Personen ist weniger relevant als die persönliche. 

Körperunzufriedenheit lässt sich auf 3 Ebenen betrachten: 

  • Die kognitive Ebene: Die eigenen Gedanken und die eigene Bewertung
  • Die emotionale Ebene: Das Gefühl, das in Anbetracht des eigenen Körpers empfunden wird (Bei Betroffenen von KDS ist dies oft Scham oder sogar Ekel)
  • Die Verhaltens-Ebene: Das Investment, das in den eigenen Körper gesteckt wird z.B. in Form von Schönheitskorrekturen, ausgedehnter Körperpflege, übertriebenem Spiegelprüfen oder dem ständigen Vergleich mit anderen Schönheitsidealen u.a. auf Social Media

Stichwort Social Media: Auch wenn es das Bedürfnis einem Ideal nachzueifern bereits zu Zeiten der Renaissance und wahrscheinlich sogar schon vorher gab, ist die Möglichkeit, sich ständig zu vergleichen und durch Filter und Bildbearbeitung ideal darzustellen heutzutage natürlich um ein Vielfaches größer. 

Social Media verleitet uns dazu, uns gefiltert und ideal zu präsentieren. Gerade aus diesem Konflikt zwischen der idealen Darstellung und der eigenen Realität, die eben anders aussieht, kann sich die genannte Körperunzufriedenheit ergeben und verstärken. 

Wir sprechen die ganze Zeit von „ideal präsentieren”, doch was bedeutet das eigentlich?

© Pexels.com / Olya Kobruseva

Erfolgskriterium Attraktivität

„Ideal auszusehen” bezieht sich auf den Wunsch, ein hohes Level an Attraktivität zu erreichen. Die äußerliche Attraktivität war schon immer auf vielen Ebenen wichtig: Sie spielt beispielsweise bei der Partner:innenwahl und auch bei beruflichen Aspekten eine Rolle. Wir neigen dazu, offensichtliche Attraktivität mit positiveren Eigenschaften zu verbinden. Dieses „What is beautiful is good”-Prinzip (was schön ist, ist auch gut) wird auch Halo-Effekt genannt und führt dazu, dass Personen, die als attraktiv eingestuft werden, mit gewissen Vorzügen durchs Leben gehen. So werden sie zum Beispiel schneller und müheloser sympathisch wahrgenommen, in Auswahlverfahren bevorzugt oder wertschätzender behandelt.

In unseren Grundbedürfnissen ist das Verlangen nach Bindung und der Wunsch nach Zugehörigkeit fest verankert. Da Attraktivität das Stillen dieser Grundbedürfnisse zu vereinfachen scheint, ist es nicht verwunderlich, dass wir danach streben attraktiv zu sein. Das führt unumgänglich zu der Frage: Wann ist man denn attraktiv? 

Wann gilt man als attraktiv?

Attraktivität kann sehr verschieden aussehen – Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters (oder der Betrachterin). Was Attraktivität ausmacht ist somit keine eindeutig und erst recht keine leicht zu beantwortende Frage. Die Studienlage sagt, dass kulturell übergreifend vor allem symmetrische Gesichter als besonders attraktiv gelten. Das liegt daran, dass vom Durchschnitt abweichende oder stark asymmetrische Gesichter uns weniger vertraut vorkommen und mit Krankheiten oder Entwicklungsstörungen in Verbindung gebracht werden können. Auch Aspekte wie eine reine Haut können die Attraktivität steigern, da diese in der Regel mit guter Pflege und Gesundheit assoziiert werden. Über diese universellen Attraktivitätsfaktoren hinaus gibt es jedoch vor allem interkulturell starke Schwankungen und Unterschiede. 

Wie Fanny Dietel erklärt, werden beispielsweise im asiatischen Raum viele Schönheitskorrekturen vom Monolid zum Doppellid und der generellen Veränderung des Gesichts hin zu einer 3D-Architektur vorgenommen, da dies für besonders attraktiv gehalten wird. Währenddessen lassen sich in Europa viele Menschen ihre Nase operieren, da sie eine flache Nase attraktiver finden. 

Daran zeigt sich bereits, wie vielfältig und subjektiv Attraktivität ist. Gleichzeitig gibt es Menschen, die mit ihrem Körper so unzufrieden sind, dass sie stark darunter leiden. Ist dieser Leidensdruck sehr hoch, kann dies auf eine körperdysmorphe Störung (KDS) hinweisen. Doch was genau ist eine KDS?

Wie äußert sich eine körperdysmorphe Störung?

Kurzweilige Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen kennen wir alle. Wir haben die Psychotherapeutin Fanny Dietel gefragt, wie sich diese von einer körperdysmorphen Störung unterscheidet.

Höre ihre Antwort in unserer Podcastfolge mit ihr: (oder lies darunter weiter)

Grundsätzlich handelt es sich bei einer KDS um eine sehr stark gesteigerte Körperunzufriedenheit. Die Betroffenen nehmen Makel wahr, die von Außenstehenden augenscheinlich gar nicht oder nur gering wahrgenommen werden. 

Fanny Dietel nennt an dieser Stelle das Beispiel einer Person mit augenscheinlich reiner Haut, die äußert, mit „solchen Kratern im Gesicht” nicht mehr auf die Straße gehen zu wollen. Das subjektiv Wahrgenommene entspricht also nicht dem objektiv Sichtbaren.

Im Durchschnitt geht es dabei um 3 bis 4 Dinge des äußeren Erscheinungsbildes, mit denen sich Betroffene gedanklich und in ihrem Verhalten 3-8 Stunden am Tag exzessiv beschäftigen. Im Verhalten zeigt sich dies zum Beispiel durch auffallend langes Betrachten im Spiegel, übermäßige Körperpflege oder auch durch das ständige Rückversichern bei anderen, ob man denn „okay aussehe”. 

Da die Störung oft auf einem niedrigen Selbstwert fußt, zeigt sich mit der Störung ebenfalls häufig eine deutliche Selbstabwertung der eigenen Person. KDS-Betroffene plagen eine ständige Unzufriedenheit mit dem eigenen Erscheinungsbild auf einem immer gleichbleibenden hohen Niveau, die mit einem hohen Leidensdruck einhergeht.  

Die Abgrenzung zu „normaler”, kurzweiliger Körperunzufriedenheit geschieht entsprechend vor allem durch den hohen und gleichbleibenden Leidensdruck der Betroffenen, der auch nach einer Intervention in Form von einer Schönheitskorrektur häufig nicht besser wird. Das begründet Fanny Dietel damit, dass sich bei einer KDS die Unzufriedenheit nach einer Schönheitskorrektur oftmals auf ein anderes Körperteil verschiebt oder dass die Unzufriedenheit sogar unverändert bestehen bleibt, da eine Veränderung des objektiv Sichtbaren nicht automatisch auch eine Veränderung in der subjektiven Wahrnehmung der KDS Patient:innen bedeutet.  

Wichtig ist daher, sich die Frage zu stellen, ob eine einmalige Intervention wirklich hilfreich ist, oder ob das Problem vielleicht doch woanders liegt. Wenn Schönheitskorrekturen und andere äußerliche Veränderungen nicht die Lösung sind, bleibt die Frage: Was ist ein hilfreicher Umgang mit der körperdysmorphen Störung?

Was tun bei körperdysmorpher Störung?

Eine Möglichkeit, gegen starke Körperunzufriedenheit vorzugehen, ist es, nicht das Problem, sondern die Ursache zu bekämpfen. Also anstelle der Veränderung des äußeren Erscheinungsbildes, die Ursache für die Unzufriedenheit zu suchen und an dieser anzusetzen. Die KDS greift den persönlichen Selbstwert an, daher ist es wichtig zu schauen, worauf dieser Selbstwert – abgesehen vom Aussehen – noch fußt und diesen entsprechend zu stärken. In Form einer Therapie kann Betroffenen geholfen werden, sich ihrer eigenen Werte bewusst zu werden und so einen veränderten Blickwinkel auf ihren Körper zu erlangen. Weg vom Fokus auf die Unzufriedenheit und Abwertung der eigenen Person, hin zu Akzeptanz, einem starken Selbstwertgefühl und sich selbst lieben lernen. Kognitive Verhaltenstherapie stellt dafür laut Fanny Dietel aktuell die wirksamste, evidenzbasierte Behandlungsmethode dar. Allerdings beinhaltete die psychotherapeutische Behandlung verschiedene Hürden für KDS-Betroffene. Neben der generellen Herausforderung, einen Therapieplatz zu finden, ist das Schamgefühl der Betroffenen so hoch, dass sie das persönliche Gespräch scheuen. 

Über Ihre Erfahrungen als Behandlerin und die ihrer Patient:innen spricht Fanny Dietel im Interview:

Fanny Dietel hat im Zuge dieser Problematik in Zusammenarbeit mit anderen Psycholog:innen das internetbasierte Programm „BDD-Net“ ins Leben gerufen. Das Programm besteht aus acht Modulen, die verschiedene verhaltenstherapeutische Elemente aufgreifen. In Schweden, wo das Programm zuerst entwickelt wurde, konnten bereits erfolgreiche kurz- als auch langfristige Wirksamkeitsnachweise erbracht werden. Das Besondere: Das Programm läuft über den Zeitrahmen von 12 Wochen vollständig online ab und in begleitenden Video-Therapiestunden können Teilnehmende die Kamera ausschalten, wenn das (zunächst) hilfreich ist.

Fanny Dietel beschreibt die Inhalte wie folgt: „Angefangen wird bei der Arbeit an eigenen, selbstabwertenden Gedanken, die Menschen um das Äußere haben können. Weiter geht es mit sogenannten Expositionen, die Betroffene machen können, indem sie Situationen aufsuchen, die sie vielleicht aufgrund der KDS eher vermieden hätten oder die mit sehr körperbezogenen Verhaltensweisen einhergehen. Dabei spielt auch die Arbeit am eigenen Selbstwert und an den eigenen Werten eine Rolle. Das Ganze ist eingebettet in eine anfängliche Information über das Störungsbild und eine Modellentwicklung, zugeschnitten auf den:die Patient:in an sich.”

Außerdem werden die Patient:innen während der 12 Wochen durch Therapeut:innen, die über E-Mail ständig zur Verfügung stehen, begleitet.

Bist du neugierig auf BDD-Net und das Thema E-Mental Health geworden? 

Auf der offiziellen BDD-Net Webseite findest du weitere Informationen zum Programm und der dazugehörigen Studie. 

Auch wir als Team ACTitude setzen an genau dieser Problematik der mangelnden therapeutischen Zugangsmöglichkeiten an und haben es uns zur Aufgabe gemacht, Menschen in herausfordernden Situationen des Alltags präventiv zu begleiten. 

Entdecke unsere Onlinekurse „Umgang mit Stress” und „Selbstwert stärken”.

Weiterführende Informationen

Mehr Informationen zu BDD-Net Zur offiziellen Website

Mehr Informationen zu KDS für Betroffene, Angehörige und Behandelnde Zur Website

Drüge, M., Buhlmann, U., Dietel, F., Hansmeier, J., Jäger, A., Dworakowski, O., Rück, C., Enander, J. & Watzke, B. (2021, 15. November). BDD-NET – Ein internetbasiertes Programm bei Körperunzufriedenheit zur niedrigschwelligen Behandlung der körperdysmorphen Störung für den deutschen Sprachraum. Verhaltenstherapie, 32(1–2), 1–10. https://doi.org/10.1159/000520345 Zum Artikel der BDD-Net Forschungsgruppe

Verwendete Literatur

Definition Attraktivität Zur Lexikon-Definition

Der Halo-Effekt Zum Artikel

Download: Transkript

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kannst du hier das Transkript der Folge runterladen.

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