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Trauriger Junge Mutter tröstet Sohn streichelt ihm über den Kopf

Hinweis: Falls dir Hören Schwierigkeiten bereitet, haben wir den Podcast für dich verschriftlicht. Das Transkript findest du am Ende dieses Beitrags.

Jedes dritte Kind ist verhaltensauffällig. Vor der Corona Pandemie war es noch jedes fünfte Kind. Das sind Ergebnisse der COPSY Studie (=Corona und Psyche) des UKE Hamburg. Doch woran erkenne ich überhaupt, ob mein Kind verhaltensauffällig ist? Wie verhalte ich mich am besten, wenn ich merke, dass das Verhalten ungewöhnlich ist? Und an wen kann ich mich wenden, wenn ich externe Unterstützung brauche?

Hier kannst du das Gespräch mit Tanja Cordshagen-Fischer auf Spotify hören:

Wann gilt ein Kind als verhaltensauffällig?

Woran kann ich erkennen, ob das Verhalten meines Kindes in irgendeiner Art und Weise auffällig ist? Nach Tanja Cordshagen-Fischer entscheidet die Teilhabe des Kindes am alltäglichen Leben über die Unterscheidung zwischen auffällig oder unauffällig. Wie stark kann das eigene Kind am Leben teilnehmen? Wie viel unternimmt das eigene Kind und wie reichhaltig ist das Leben des Kindes? An dieser Stelle ist der Altersaspekt von besonderer Bedeutung, denn ein reichhaltiges Leben bedeutet für jede Altersklasse etwas Anderes. 

Während eine reichhaltige Teilhabe am Leben für ein 3-jähriges Kind das Spielen in der Krabbelgruppe und gelegentlich ein Besuch bei Oma und Opa bedeutet, geht es bei einem 11-jährigen Kind eher darum, Freunde zu treffen, die Schule zu besuchen und den eigenen Hobbys nachzugehen. 

Nimmt die Teilhabe des Kindes am Leben ab, kann das ein erstes Warnsignal für auffälliges Verhalten sein.

Für Tanja Cordshagen-Fischer ist die Schulvermeidung ein Extrembeispiel für auffälliges Verhalten. Aufgrund der Corona Pandemie tritt dies zurzeit viel häufiger auf, denn vielen Kindern fällt es schwer, nach dem Abtauchen in die Wohlfühlzone durch das Homeschooling in Klassengruppen und im Präsenzunterricht zu partizipieren.

Wenn du also den Verdacht hast, dass dein Kind in irgendeiner Weise Verhaltensauffälligkeiten zeigt, halte inne und frage dich immer mal wieder: Nimmt mein Kind noch altersadäquat am Leben teil?

© Pexels.com / Monstera

Was mache ich, wenn mein Kind verhaltensauffällig ist?

Findet die Teilhabe des eigenen Kindes am Leben nicht mehr altersadäquat statt, ist es zunächst wichtig und hilfreich, das Kind in einer ruhigen Situation anzusprechen und zu erfragen, wie es ihm:ihr geht. Erfrage die Gefühle und ermuntere es, über diese und eventuelle Sorgen zu sprechen.  

Als Beispiel: Wenn dein Kind häufig über Bauchschmerzen klagt, um die Schule oder andere Situationen zu vermeiden und Zuwendung zu erfahren, ist es in erster Linie wichtig, dem Kind genau diese Zuwendung zu geben. Um das Problemverhalten jedoch nicht zu verstärken, ist es hilfreich, Zuwendung anders und in anderen Kontexten zu geben. Nimm dir nach der Schule Zeit für ein Gespräch mit deinem Kind, für ein wenig gemeinsame Spielzeit oder eine gemeinsame Pause.  

Für viele Eltern ist es eine enorme Herausforderung den negativen Gefühlen des Kindes Raum zu geben und diese nicht kleinzureden. Wir möchten, dass es unserem Kind gut geht, dass es glücklich ist. Manche empfinden es unbewusst auch als Kritik, wenn es dem eigenen Kind schlecht geht. Negativ bewerteten Gefühlen Raum zu geben ist ein großer Schritt für Eltern und für die weitere Entwicklung des Kindes sehr wichtig. Dafür benötigen Eltern eine erhöhte psychische Flexibilität. Denn mit dieser können wir uns an die verschiedenen Situationen im Leben mit Kindern anpassen.

Dazu ist es auch wichtig, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu berücksichtigen.

In unserem Beitrag „Wie schaffe ich es mich um mich selbst zu kümmern?“ erklären wir dir, warum Selbstfürsorge wichtig ist und geben dir wertvolle Tipps zur Umsetzung.

Doch was mache ich, wenn ich merke, dass ich im Familienleben an den Rand meiner persönlichen Möglichkeiten stoße?

Tanja Cordshagen-Fischer rät zunächst dazu, die Systemmitglieder zu befragen, ob das Verhalten des Kindes dort auch auffällig geworden ist. Dazu gehören die Kindergruppe, Freund:innen, Familienmitglieder, Kindergarten, Schule, Vereine oder Betreuungsangebote. 

Darüber hinaus gibt es ein breitgefächertes Hilfesystem. Frau Cordshagen-Fischer befürwortet, sich an Kinderärzt:innen oder an Erziehungsberatungsstellen zu wenden. Diese haben meist gute Erfahrungswerte mit verschiedenen Lösungsmöglichkeiten und kürzere Wartezeiten als Kinder- und Jugendpsychologen:innen und -psychiater:innen.

Warum ist die ACT passend für Kinder und Jugendliche?

Die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ist eine Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie. Sie arbeitet mit vielen Metaphern und praktischen Übungen. Nach Tanja Cordshagen-Fischer ist die ACT für Kinder und Jugendliche passend, weil bei diesem Ansatz davon ausgegangen wird, dass Gefühle nicht die Ursache für das Problem sind, sondern der Kampf mit ihnen. Menschen allgemein neigen dazu, Gefühle in gut und schlecht zu kategorisieren und wollen schlechte Gefühle „wegmachen”. Das kostet unglaublich viel Kraft und führt zu einer Einschränkung im eigenen Leben. Oft versuchen wir Situationen, in denen diese schlechten Gefühle auftreten, zu vermeiden. Dadurch ziehen sich Kinder und Jugendliche oft zurück, gehen keine neuen Freundschaften ein, verabreden sich nicht und schließen sich zuhause ein.

Mit Übungen aus der ACT exploriert Tanja Cordshagen-Fischer, welche Gefühle überhaupt da sind, was das Kind eigentlich gerne machen möchte und wie es wäre, den Kampf gegen die „schlechten“ Gefühle einzustellen. Außerdem arbeitet sie mit den Kindern auf Augenhöhe und behandelt sie nicht als Heranwachsende, sondern als eigenständige und vollwertige Personen. Tanja Cordshagen-Fischer erlebt, dass das Kindern und Jugendlichen sehr gut tut, weil sie sich ernst genommen fühlen.  

Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, was die Lieblingsübungen von Tanja Cordshagen-Fischer für die verschiedenen Altersgruppen sind und welche Metapher besonders gut geeignet ist, um einen besseren Umgang mit Gefühlen zu lehren, hör rein bei in unser Interview mit ihr:

Weiterführende Informationen

Cordshagen-Fischer, T. & Fischer, J.- E. (2002). Therapie-Tools. Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) mit Kindern und Jugendlichen (1.Aufl.). Beltz.

Greco, L. A. & Hayes, S. C. (2011). Akzeptanz- und Achtsamkeit in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (1. Aufl.). Beltz.

Polk, K. L., Schoendorff, B., Webster, M. & Olaz, F. (2019). Praxishandbuch ACT-Matrix. Schritt für Schritt zur Anwendung in der klinischen Praxis (1. Aufl., S. 209-239). Springer.

Sabaina, K. D. (2013). Evaluating the Impact of Acceptance and Commitment Therapy on Children with Emotional and Behavioral Disorders. Zum Artikel

Brown, F. J. & Hooper S. (2009). Acceptance and Commitment Therapy (ACT) with a learning disabled young person experiencing anxious and obsessive thoughts. Journal of Intellectual Disabilities13(3):195-201 doi: 10.1177/1744629509346173Zum Artikel

Swain, J., Hancock, K., Dixon, A., Koo, S. & Bowman, J. (2013). Acceptance and commitment therapy for anxious children and adolescents. Study protocol for a randomized controlled trial. 14, 140. doi: 10.1186/1745-6215-14-140.

Zentrum Bayern Familie und Soziales (2022). Verhaltensauffälligkeiten. Zur Website von Bayerischer Erziehungs Ratgeber

Sonnenmoser, M. (2002). Externalisierende Störungen bei Kindern und Jugendlichen: Kontrollverhalten, Ungeduld und Ablehnung der Eltern können psychische Probleme verstärken. Zum Artikel

Download: Transkript

Wenn dir Lesen leichter fällt als Hören,
kannst du hier das Transkript der Folge runterladen.

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