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Es gibt definitiv leichtere Kost als das Thema psychisches Trauma. Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir uns damit beschäftigen. Im Alltag neigen wir manchmal dazu, etwas als „traumatisierend“ zu bezeichnen: „Die Tinderdates sind so schlecht, ich höre auf zu daten. Ich bin total traumatisiert.“ Doch was bedeutet es „traumatisiert zu sein“ und wie wirkt es sich auf unser Leben aus? Wenn ich traumatisiert bin, bleibt das dann für immer oder kann ich diesen Zustand verändern? 

Diana geht diesen Fragen in der Folge „Die Aufwärtsspirale“ zusammen mit Dr. Elisa Pfeiffer nach und beginnt mit der grundlegenden Frage: 

Was ist ein psychisches Trauma?

Pfeiffer sagt dazu, dass ein Trauma ein Erlebnis ist, welches ein außergewöhnliches Ausmaß an Bedrohung mit sich bringt. In dem Ereignis fühlen Menschen sich hilflos und erleiden einen massiven Kontrollverlust. Dabei unterscheidet sie zwischen zwei Typen:

  1. Interpersonelles Trauma
  2. Akzidentelles Trauma

Das interpersonelle Trauma ist eine zwischenmenschliche Gewalterfahrung, wie z.B. sexualisierte Gewalt oder andere direkte Gewalteinwirkungen durch andere. Das akzidentelle Trauma wird durch einen Unfall oder Naturkatastrophen ausgelöst.

Im alltäglichen Sprachgebrauch beschreiben wir Ereignisse wie die Scheidung der Eltern oder den Verlust einer geliebten Person als traumatisch. Das sind Erlebnisse, die im klinischen Bereich – und daher auch im wissenschaftlichen Setting – als sogenannte nicht-normative Erlebnisse bezeichnen werden, so Pfeiffer. Solch kritische Lebensereignisse führen für viele auch zu starken Belastungen, doch für die konkrete Diagnose eines psychischen Traumas ist ein Erlebnis mit sehr bedrohlichem Charakter Voraussetzung.

Woran erkenne ich ein psychisches Trauma?

Ein Trauma ist immer die Folge einer akuten Belastungssituation, die eine individuelle, akute Belastungsreaktion mit sich bringt. Dies bedeutet, dass ein unmittelbarer und klarer zeitlicher Zusammenhang zwischen der Belastung und dem Beginn der Symptome vorliegen muss. Symptome können z.B. eine gedrückte Stimmungslage, Übererregung und Betäubung sein. In vielen Fällen klingen diese Symptome innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen ab.

Wenn sie allerdings mindestens vier Wochen anhalten und sich ggf. ausweiten auf weitere Symptome wie Erinnerungslücken oder Intrusion (das Wiedererinnern von traumatischen Ereignissen), sprechen Psycholog:innen von einer akuten Belastungsstörung (sofern es sich um eine besonders bedrohliche auslösende Situation handelte).

Wie wird eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert?

In Deutschland müssen Diagnosen nach dem International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) klassifiziert werden, damit mit den Krankenkassen abgerechnet werden kann. Im klinischen Bereich wird daneben auch das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) herangezogen. Unabhängig vom Klassifikationssystem müssen zur Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) die drei Symptomgruppen Intrusionen, Vermeidung und Übererregung vorliegen. Die Diagnose nach dem DSM-5 kam im Podcast etwas zu kurz. Deshalb hier noch ein Auszug aus dem DSM-5 (Hinweis: Diese Kriterien gelten für Menschen, die älter als sechs Jahre sind):

A. Konfrontation mit einem Trauma

Betroffene erlebten ein Ereignis, das schwere körperliche Verletzung, tatsächlichen oder möglichen Tod oder eine Bedrohung der psychischen Integrität der eigenen oder anderer Person/en beinhaltet

B.Symptome des Wiedererlebens

Das Vorliegen eines (oder mehrerer) der folgenden, mit dem Trauma assoziierten Symptome (Beginn nach dem Auftreten des traumatisierenden Ereignisses):

  • Intrusive Erinnerungen: Wiederholte, unwillkürliche und aufdrängende Erinnerungen an das traumatische Ereignis.
  • Wiederholte Albträume, bei denen Inhalte oder Gefühle des Traums mit dem traumatischen Ereignis assoziiert sind.
  • Dissoziative Reaktionen (z.B. Flashbacks), in denen sich Betroffene so fühlen oder verhalten, als ob das traumatisierende Ereignis wieder stattfinden würde.
  • Starke emotionale Reaktion auf Erinnerungsreize: Ausgeprägtes oder anhaltendes seelisches Leiden bei Konfrontation mit (inneren oder externen) Reizen, die das traumatische Ereignis symbolisieren oder die einem Aspekt des traumatisierenden Ereignisses ähnlich sind.
  • Deutliche physiologische Reaktion auf (innere oder externe) Reize, die das traumatische Ereignis symbolisieren oder die einem Aspekt des traumatisierenden Ereignisses ähnlich sind.

(Bei Kindern ab sechs Jahren können die Symptome 1-3 in etwas veränderter Form auftreten)

C. Symptome der Vermeidung

Das Vorliegen einer oder beider Symptome: 

  • Eine Vermeidung (oder der Versuch) von mit dem traumatisierenden Ereignis verbundenen belastenden Erinnerungen, Gedanken, Gefühlen 
  • Die Vermeidung von externen Bedingungen (wie Personen oder Orte), die mit dem traumatisierenden Ereignis verbundene Gedanken oder Gefühle hervorrufen.
D. Veränderung in Kognitionen und/oder Emotionen

Negative Veränderungen in mit dem Trauma assoziierten Kognitionen oder Affekten, wobei mindestens zwei der folgenden Veränderungen vorliegen müssen

  • Erinnerungslücken: Die Unfähigkeit, wichtige Aspekte des traumatischen Ereignisses zu erinnern.
  • Anhaltende oder übersteigerte negative Überzeugungen bzw. Erwartungen in Bezug auf die eigene Person, andere Personen oder „die Welt“.
  • Übertriebene Schuldkognitionen: Anhaltende veränderte Gedanken über die Ursache oder die Folgen des traumatischen Ereignisses.
  • Anhaltend negatives Gefühlserleben wie z.B. Angst, Schuld, Schamgefühle.
  • Interessensverlust: Deutliche Verminderung von Interesse oder sozialen Aktivitäten.
  • Gefühl der Losgelöstheit oder Entfremdung von anderen.
  • Eingeschränkte Wahrnehmung von positiven Affekten (z.B. Unfähigkeit, zärtliche Gefühle zu empfinden).
E. Symptome erhöhten Arousals

Deutliche Veränderungen in der Erregbarkeit und den Reaktionen, wobei zwei der folgenden Symptome erfüllt sein müssen: Reizbarkeit oder Wutausbrüche (Ärger), leichtsinniges oder selbstverletzendes Verhalten, Hypervigilanz (übermäßige Wachsamkeit, fortdauerndes Gefährdungsgefühl), Schreckhaftigkeit, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen.

F-G: Die Beschwerden (B-E)
  • ...dauern für mindestens 1 Monat an,
  • ...verursachen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen und
  • ...sind nicht besser durch Substanzeinfluss oder eine andere Erkrankung erklärbar.

Was ist der Unterschied zwischen Flashbacks und Intrusion?

Pfeiffer erläutert Intrusion als Gedanken, die immer wieder in den Kopf kommen, Bilder von dem Erlebnis oder Hören von Geräuschen des Erlebnisses. Flashbacks bezeichnet sie als noch stärker. In einem Flashback haben Menschen das Gefühl, wieder zurück in dem Moment zu sein. Etwas runtergebrochen bedeutet das: Intrusionen meinen eher das Wiedererinnern und Flashbacks das Wiedererleben einer traumatisierenden Situation.

Was kann ich bei einem psychischen Trauma tun?

Beim Vorliegen eines psychischen Traumas rät Pfeiffer ganz klar zu einer traumafokussierten Therapie. Zu unterscheiden sind hierbei Ansätze der traumafokussierten kognitiven Verhaltenstherapie (Tf-KVT) und Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR), welche beide eine gute Wirksamkeit bei PTBS aufweisen. Es sei wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen, um das Ereignis aufzuarbeiten. Sie möchte Mut machen, sich in eine Therapie zu begeben, da die Folgen eines psychischen Traumas sehr gut behandelbar sind und meist nur eine Kurzzeittherapie nötig ist (3-6 Monate). Wichtig sei es, nach Therapeut:innen zu suchen, welche sich mit traumafokussierter Arbeit beschäftigt haben. Hierbei gibt es neben der kognitiven Verhaltenstherapie natürlich auch die Möglichkeit sich ein:e psychodynamisch oder systemisch ausgebildete:n Therapeut:in aufzusuchen - hier stehen zwar Studien zur Wirksamkeit bei PTBS noch aus, aber auch eine Passung zwischen Patient:in und Therapeut:in beziehungsweise Therapieverfahren ist wichtig. Einen guten Überblick bekommst du auf der Homepage von der deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie.

Höre jetzt das ganze Gespräch mit Dr. Elisa Pfeiffer auf Spotify:

Schnelle Hilfe

Solltest du dich in einer emotionalen Krise befinden, findest du hier rund um die Uhr anonyme Hilfe: Die Telefonseelsorge ist erreichbar unter 0800/1110111 oder 0800/1110222 und per Mail oder Chat unter https://online.telefonseelsorge.de

Alle unter 25 Jahren finden bei der Chatberatung krisenchat.de auch eine Anlaufstelle.

Literaturempfehlungen

Von und mit Elisa Pfeiffer

Pfeiffer, E., & Goldbeck, L. (2019). Mein Weg–Traumafokussierte pädagogische Gruppenintervention für junge Flüchtlinge (1. Aufl.). Göttingen: Hogrefe.

Das Projekt „Better Care“, bei dem Elisa Pfeiffer mitgewirkt hat: ku.de/bettercare

Zur Diagnose und Behandlung von psychischen Traumata

Döpfner, M. & Zaudig, M. (2015). Trauma- und belastungsbezogene Störungen. In M. Döpfner und M. Zaudig (Hrsg.), Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5 (361-396). Göttingen: Hogrefe.

Falkai, P. & Wittchen, H.U. (2015). Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5. Göttingen: Hogrefe.

Maercker, A. (Hrsg.) (2013). Posttraumatische Belastungsstörungen (4. Aufl.). Berlin: Springer.

Rosner, R. (2008). Posttraumatische Belastungsstörung. In F. Petermann (Hrsg.), Lehrbuch der Klinischen Kinderpsychologie, 6. Auflage. Göttingen: Hogrefe.

Maercker, A., Rosner, R., Wöller, W. (2019) S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung. Springer Verlag, Berlin.

Ratgeber für Betroffene und Angehörige 

Ehring, T. & Ehlers, A. (2018). Ratgeber Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung: Informationen für Betroffene und Angehörige (Ratgeber zur Reihe Fortschritte der Psychotherapie) (2. Aufl.). Hogrefe Verlag.

Reddemann, L., Dehner-Rau, C. & Rau, C. D. (2006). Trauma: Folgen erkennen, überwinden und an ihnen wachsen: Ein Übungsbuch für Körper und Seele (2. Aufl.). MVS Medizinverlage Stuttgart.


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